Sie wurden tausendmal tot gesagt. Sie spannten sich die Frauen aus, sorgten mit unzähligen Drogen- und Alkoholeskapaden für Aufsehen, redeten zu einem bestimmten Zeitpunkt sogar kein Wort mehr miteinander, nahmen nebenbei über 30 Alben auf, kurz – sie boten und bieten seit fast 50 Jahren Rock ´n´ Roll pur.
Die Rede ist – natürlich – von den Rolling Stones!
Letzten Freitag nun erschien die Neuauflage Ihres Album-Klassikers „Exile On Main St.“, welcher nicht zu Unrecht als eine Ihrer besten, wenn nicht als die beste Veröffentlichung der Stones gilt. Das Doppelalbum aus dem Jahr 1972 bot keine eingängigen Hits im Stile von „Angie“, dafür aber eine 67 Minuten lange, dreckige, düster brodelnde Mischung aus Rock, Country, Blues und Soul.
Vom treibenden, mit Bläsern und Honky-Tonk-Piano unterlegten Opener „Rocks Off“ über die Single „Tumbling Dice“ bis hin zur Ballade „Shine A Light“ spielten sich die Stones durch eine wilde Mischung von Songs, die vor allem durch Ihre stilistische Bandbreite und das virtuose Zusammenspiel der Gitarristen Keith Richards und Mick Taylor überzeugte. Dazu arbeitete sich Mick Jagger noch ein Stück bösartiger als sonst durch seine Texte und Gesangsparts. Da ist es schwer, einen Höhepunkt zu nennen: So mitreißend zelebrierten die Stones Ihre privaten Streitigkeiten und die Widrigkeiten während der Sessions auf diesem Doppelalbum, so aufregend spielten sie sich durch die 18 Songs, die auf der emotionalen Achterbahn so ziemlich jede Kurve, jeden Looping mitnehmen.
Kein Wunder, stand doch schon die Produktion unter keinem guten Stern: Durch Steuerschulden zur Flucht aus dem heimischen Großbritannien gezwungen, ließen sich die Stones in Keith Richards‘ Anwesen Nellcote an der Cote d’Azur nieder, funktionierten die Räume im Keller des viktorianischen Hauses zu einem Studio um und begannen mit den Aufnahmen zu „Exile“. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Unzufriedenheiten innerhalb der Band und ein ständiges Kommen und Gehen von Gästen boten den Rahmen für chaotische Sessions, für die man sogar die örtliche Stromleitung illegal anzapfte.
Durch die aufwändige Post-Production in Los Angeles entwickelte sich „Exile On Main St.“ dann schließlich zu dem Klassiker, der nun mit zehn bisher unveröffentlichten Stücken wieder veröffentlicht wurde. Unter den alten neuen Stücken stechen besonders das groovige „Plundered My Soul“ und die großartige Ballade „Following The River“ hervor. Auch hier wird noch einmal deutlich, wie wichtig auch die Session-Musiker, allen voran Nicky Hopkins am Piano, für die Produktion dieses Albums waren.
„Exile On Main St.“ ist das Werk einer Band, die Ihren Talenten und Ihren ziemlich ausgeprägten Lastern während der Aufnahmen freien Lauf ließen. Wo das meist schief geht, avancierte dieses Album zu einem Klassiker der Rockmusik, das bis heute keinen Deut an Relevanz verloren hat. Top-10 Charteinstiege der Neuveröffentlichung in 20 Ländern diesen Montag beweisen, dass die Stones somit immer noch nicht am Ende angelangt sind. Egal, wie oft das Kritiker, Journalisten und Fans auch behaupten mögen. Rock ´n´ Roll bedeutet eben auch unsterblich zu sein. Das mag ich.