Die Dinge, die ich mag

Aufschreiben, was gut ist…

Wie Chris McCandless Freiheit suchte und die Suche mit dem Tod bezahlte

Letzte Woche schrieb ich über den Film „Atmen“ mit dem Laienschauspieler Thomas Schubert in der Hauptrolle. Dadurch, dass Schubert vorm Dreh kaum Schauspieltechniken erlernt hatte, jedoch viel Talent besitzt, wirkte er sehr authentisch in seiner Rolle des orientierungslosen, unsicheren Roman Kogler. Diese Echtheit macht den Film besonders. Heute möchte ich über einen weiteren, noch viel intensiveren Film berichten, den ich in letzter Zeit gesehen habe: “Into the Wild”. Auch “Into the Wild” ist sehr echt, jedoch auf eine andere Art und Weise. Dass die Story auf wahren Begebenheiten beruht, macht diesen dramatischen Film noch mitreißender.

Chris McCandless, der aus einer reichen Familie stammt, ist nach dem Abschluss seines Studiums endgültig sein bisheriges Leben satt. Seine Eltern begreifen nicht, dass er sich etwas anderes wünscht als materielle Dinge. Unter einem Vorwand verschwindet er daher. Er taucht ab, um als Tramper durch die USA zu reisen und lässt alles zurück: seine Schwester, Sicherheit und Sauberkeit. Sein Auto zündet er an, sein Geld spendet er an eine Hilfsorganisation.

Er nennt sich nun Alexander Supertramp und hat sein altes Leben gegen Obdachlosen-Tafeln und illegales Zugfahren aber auch gegen Freiheit eingetauscht. Immer wieder trifft er auf seiner Reise Menschen, mit denen er Erlebnisse teilen kann, die in ihm etwas Besonderes sehen, seine Persönlichkeit schätzen, doch jedes Mal läuft er plötzlich davon, sucht die Einsamkeit. Mehrere Schicksalsschläge führen schließlich dazu, dass er völlig abgemagert und mit Vergiftungserscheinungen allein in der Wildnis Alaskas stirbt. In sein Tagebuch schreibt er kurz vor seinem Tod die Erkenntnis, die ihm zu spät kam: „Happiness is only real when shared.“

Besonders tragisch ist, dass die Rettung gleich doppelt nah war: Da Chris den Weg, den er gekommen war, über den im Sommer reißenden Fluss nicht zurückgehen konnte, sah er keine Möglichkeit, in die Zivilisation zurückzukehren. Aus seiner alten ungenauen Karte ging nicht hervor, dass diese nur etwa 25 Kilometer entfernt gewesen wäre. Gut zwei Wochen nach seinem Tod fanden Elchjäger Chris‘ Leiche.

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„Atmen“ – atemberaubend guter Film!

Roman sitzt im Knast. Wenn er Ausgang hat, geht er auf den Friedhof. Hier liegt der Junge begraben, den er als 14jähriger zu Tode geprügelt hat. Damals war ein Heimkind. Seine völlig überforderte Mutter hatte ihn bereits als Baby weggegeben. Vom Heim direkt ins Gefängnis. Er kennt nichts anderes als starre Regeln und Kontrolle. Überall Kameras, abmelden, anmelden. Regelmäßig schaut man ihm in sämtliche Körperöffnungen. Routine, Roman kennt nichts anderes. Der Zuschauer kann seine Angst vor der Freiheit spüren. Bald wird der mittlerweile 19jährige vorzeitig entlassen, wenn es ihm gelingt, eine Ausbildungsstelle zu finden. Trotzig entscheidet er sich für ein Bestattungsunternehmen.

Prompt kommt er am ersten Tag zu spät, wirft jedoch nicht hin, denn von diesem Ausbildungsplatz hängt sein erster Schritt in die Freiheit ab. Leicht machen es ihm die neuen Arbeitskollegen zunächst nicht: Sie behandeln den „Knasti“ recht barsch. Roman weiß sich noch nicht in der ungewohnten Umgebung zu bewegen. So bittet er einmal einen Kollegen, ihm beim Binden der Krawatte zu helfen. Dieser lehnt ab, sodass der Junge vorm Chef bloßgestellt wird. Eine ähnliche Situation später ihm Film – eine meiner Lieblingszenen: Derselbe Mitarbeiter bindet vorm Spiegel seine Krawatte. Er ist eigentlich bereits fertig, löst den Knoten jedoch wieder, als der Junge von hinten herantritt, und beginnt langsam noch mal von vorn, sodass Roman sich die Technik bei ihm abschauen kann. Die Miene des Mannes bleibt hart und ausdruckslos, doch die Geste zeigt, dass sich etwas verändert hat. Er kommt zwar nicht aus seiner Haut, bleibt ruppig, doch hat er Roman ins Herz geschlossen.

Romans Begegnung mit seiner Mutter und das Ende des Films möchte ich nicht vorwegnehmen, doch so viel sei gesagt: ein großartiger Film!

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Biutiful – die Realität ist manchmal alles außer schön

Letztens war ich mal wieder im Holi, einem der Hamburger Programmkinos, das im Gegensatz zu Cinemaxx und Co. nicht die großen Blockbuster aus Hollywood zeigt, sondern eher unbekannte Filmkunst auf die Leinwand bringt. Diese Filme haben meist etwas, das den Kassenschlagern mit Brad Pitt oder Johnny Depp oft fehlt – eine Message und eine nicht selten schmerzhafte Nähe zur Realität.

Zum Beispiel der mexikanische Film „Biutiful“ – nein, kein Rechtschreibfehler. In „Biutiful“ geht es um Drogen, illegale Einwanderer und den Tod, aber auch um Liebe. Uxbal, die Hauptfigur, ist ein unglaublich charakterstarker Mann, der seine Exfrau trotz ihrer psychischen Erkrankung und diverser Fehltritte noch mit unbegreiflicher Geduld liebevoll behandelt. Er ist seinen beiden Kindern, mit denen er in Barcelona lebt, ein liebender Vater und obwohl er seinen Lebensunterhalt durch illegale Geschäfte verdient, hat er das Herz am richtigen Fleck. Er ist nicht kaltblütig und gewissenlos genug, um immer den maximalen Gewinn herauszupressen, sondern versucht die Lebensbedingungen der chinesischen Bauarbeiter zu verbessern, deren Arbeitgeber er deckt. Und er nimmt Frau und Kind eines illegal eingewanderten Senegalesen bei sich Zuhause auf, nachdem ihr Mann wegen Hehlerei abgeschoben wird. Uxbal wirkt stark und zielstrebig, doch er hat Krebs und wird in wenigen Monaten sterben. Verbissen versucht er, die Zukunft seiner Kinder zu sichern und inneren Frieden zu schließen. Schonungslos zeigt Regisseur Inárritu die erbärmlichen Lebensumstände Uxbals, seiner Frau, der afrikanischen Einwanderer und schließlich die der chinesischen Arbeiter, die in einem Keller auf dem Boden schlafen. Da ist nichts, das von Uxbals langsamem Sterben ablenkt – alles ist beängstigend realistisch, quälend, dramatisch ohne dramatisiert zu wirken. Trotz seines Verantwortungsgefühls und seiner Liebesfähigkeit ist Uxbal kein Engel – auch er trägt Schuld am allgegenwärtigen Leid. In „Biutiful“ gibt es keine Schwarz-Weiß-Malerei. Es wird dem Zuschauer nicht leicht gemacht. Ein Film, der noch lange nachhallt.

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